Feste Zeiträume und Realitäten werden  

in eine surreale Kunstwelt überführt.

Der Umschlag mit dem Titel

"Little Surprise“, ein vor längerer Zeit entworfenes Bild, macht es sichtbar. Die Vereinzelung zeichnet sich ab, die kleine Gruppe am Strand, der sich von allen Seiten mit Wasser füllt, wird von zwei Einzelwesen eingefasst. Wo ist die „kleine“ Überraschung? Ist es der noch kaum zu ahnende heranbrausende Tsunami mit 30m hohen Wellen oder das unsichtbare ultrakleine Corona-Virus in milliardenfacher weltweiter Ausbreitung?
Die Arbeiten von Jochen Heine haben durch ihre mehr oder weniger unbewusste Entstehung oft etwas Seherisches, Vorausahnendes, welches zunächst jenseits jeglicher Logik und Verständlichkeit liegt.

 

 

„Extended“, auf Deutsch „ausgedehnt, erweitert“, heißt die neue virtuelle Ausstellung des Künstlers Jochen Heine. Damit soll die Ausweitung der Realität in die Surrealität, in den Traum, die keine Grenzen und keine vordergründige Logik kennen, bezeichnet werden. In der Vorbereitungszeit zu dieser Ausstellung gab es noch keine Corona- Krise. Jetzt bekommt der Titel eine ungeahnte Aktualität. Die Abstände erweitern sich. Peter Weibel, ZKM-Direktor und Medientheoretiker, spricht von der vor uns liegenden und sich jetzt schon manifestierenden „Telegesellschaft“, die eine Nahgesellschaft weitgehend ausschließt.

 

 

 


In seinem reichen Fundus von oft zufälligen und schnell erfassten fotografischen Motiven findet Heine mit sicherem Blick immer wieder schlagende Eindrücke und Motive, die in ihm surreale Assoziationen auslösen und gedächtnisfixierte Bilderfahrungen, Träume und Illusionen auf ganz neuartige und eigenständige Weise in Form eines „multilayering“ bis zu 100 Ebenen“ in das Primärfoto einfließen lassen. Diese Schichtung von verschiedenen Zeit-, Raum- und Handlungsebenen erfolgt am Computer. Der kreative Prozess kann schnell beginnen, nimmt aber

bis zur Vollendung des Werkes meistens längere Zeit in Anspruch. In Heines Arbeiten werden feste Zeiträume und Realitäten überwunden und in eine surreale Kunstwelt überführt.
Das soll an einigen weiteren Beispielen erläutert werden:

"Space Oddity“ (Raum-Seltsamkeit). Seite links. Vor einer soliden dunklen Baumgruppe flattert eine von Heine zunächst verworfene und zerknüllte, dann aber wieder verwendete Komposition, auf der links eine sitzende jugendliche Figur mit schiefem Hut in einem hängenden Glaskasten sitzt, der zu den avantgardistischen Amsterdamer Architekturen gehört, rechts ist der Kopf des „Drohenden Schwans“, ein Ausschnitt aus dem im Amsterdamer Rijksmuseum hängenden berühmten Ölgemäldes (1652) von Jan Asselijn zu sehen, welches als Symbol nationaler niederländischer Wehrhaftigkeit gilt. Die räumlichen und zeitlichen Dimensionen sind aus den Fugen geraten.

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"Data sheet“ (Datenklau), Seite links, zeigt eine Vielfalt von räumlichen Details. Ins Auge fällt zunächst der schwarz gestiefelte Mann mit Hyänenkopf und aggressiv offenem Maul. Stiehlt er oder wird er bestohlen? Der Mann im Monteuranzug vor dem Luftschutzraum hinter der Mauer hält eine Daten-CD, vor ihm hängt ein Übertragungs- Kabel. Eine Festplatte ist in einem separaten Layer schwebend vor den Wolfsmenschen platziert. Die verschiedenen Gegenstände und die Ausdrucksformen erzeugen einen beklemmenden Eindruck von Gefahr und Feindschaft.

 

 

 

"Blue Girl" (blaues Mädchen) nächste Seite, zeigt ein hübsches, sehr junges Mädchen mit rosigem Gesicht und rotem Mund mit blauem Schal, deren Augen geheimnisvoll im Schatten liegen, welches aus einem Gebüsch mit grünen Blättern herausschaut. Vor ihr hängen wie eine Halskette Ginkgo-Früchte, die für ihren scheußlichen Gestank bekannt sind. Die Erotik der geheimnisvollen jungen Frau wird durch die blassen zweifelhaften Früchte gedämpft. Ist das die Realität der Virtualität, die Wahrheit hinter dem Sichtbaren, die im Traum erscheint?

“D. Hirst Unbelievable” ist ein äußerst komplexes Bild, welches sich auf den provokativen, milliardenschweren 55-jährigen britischen Konzeptkünstler bezieht. Seine Hauptwerke, wie den in Formaldehyd eingelegten Tigerhai und den diamantenbesetzten Schädelabguss, werden unter Wasser im Canale Grande von Venedig zitiert. Darüber hinaus hatte Hirst 2003 auf der Biennale von Venedig ein Eingangs-Video mit Tauchern bei der Bergung von 2000 Jahre alten pseudogoldenen Artefakten und eine bronzefarbene kopflose Monumentalstatue aus Kunststoff im Palazzo Grassi ausgestellt, die von der Presse als „frechste Eulenspiegeleien“ bezeichnet wurden. Diese Skepsis verbindet Heine mit einem riesigen Kreuzfahrtschiff und einem heran- brausenden Hubschrauber als aktuelle Technik-Symbole, die auf den zunehmenden Verfall der dreitausendjährigen Dogendynastie durch Wasser- und Menschenmassen hinweisen.

"Power" (wahre Macht) zeigt die erloschene frühägyptische Epoche in ihrem unzerstörbaren Mythos von Macht und Symbolik. Über dem Wasser, vielleicht dem Nil, schwebt die über viertausend Jahre alte Sphinx, die als Urgöttin, also als weibliches Machtsymbol angesehen, aber auch immer wieder patriarchalisiert wurde. Unter Wasser schwimmt die goldene Toten-Maske des Tut Ench Amun, der um 1300 v.Chr. lebte und schon als 19-jähriger, relativ unbedeutender junger Pharao verstarb. Das mehrschichtige Bild mit einer weiblich- männlichen Gegenüberstellung und Konkurrenz hat eine ruhige Macht-Ausstrahlung, die auch noch vielen Jahrtausenden erhalten geblieben ist.

Zusammenfassend könnte man sagen: Es gibt keine eindeutige Wahrheit und Klarheit, die Wirklichkeit ist immer vielschichtig und mehrdeutig. Das wird eindrucksvoll in dieser virtuellen Ausstrahlung vermittelt.

Dr. phil. Kei Müller-Jensen

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© Jochen Heine